Blindes Verständnis auf dem Kunstrasen

Tore schießen, körperbetonte Zweikämpfe und koordinierte Bewegungsabläufe – und das ohne Augenlicht. Blindenfußballer sind ausschließlich auf ihren Gehörsinn angewiesen. Doch: Wie funktioniert das? Jonathan Tönsing (FC St. Pauli) gibt einen Einblick in den Blindenfußball.

„Voy! Voy! Voy!“ – Jonathan Tönsing läuft rasch auf das gegnerische Tor zu und führt den Ball eng an seinen Füßen, während er die Rufe fast sekündlich hört. Der 17-Jährige ist Blindenfußballer beim FC St. Pauli. Ein Gendefekt verursachte beim Jugendlichen einen angeborenen Augenkrebs. Die Erkrankung und die Folgebehandlungen ließen seine Sehfähigkeit auf rund einen Prozent schrumpfen. Deshalb ist er ausschließlich auf sein Gehör angewiesen. Sein geringes Sehvermögen hält ihn allerdings nicht von seiner Leidenschaft ab.

Lange Zeit war Tönsing auf einer Blindenschule, seit zwei Jahren besucht er die Heinrich-Hertz-Schule in Hamburg-Winterhude und ist in der 10. Klasse. Nach seinem Realschulabschluss möchte der blinde Nachwuchskicker sein Fachabitur oder die allgemeine Hochschulreife nachholen. „Schulsachen erledige ich mit einem Laptop, der über eine Sprachausgabe verfügt. Ich finde es schön, dass ich gemeinsam mit den Sehenden unterrichtet werde“, meint der 17-Jährige. Angst, ungleich behandelt zu werden, hat er nicht. „Sie respektieren mich und genau das möchte ich – auch im Sportunterricht sollen sie mich ernst nehmen. Einmal haben wir Blindenfußball gespielt, da hatten sie gegen mich natürlich keine Chance“, erwähnt Tönsing grinsend.

„Wir waren mehrmals beim Training und plötzlich mittendrin“
Jonathan Tönsing über seinen Einstieg in den Blindenfußball.

Durch einen Zufall kam der schmächtige Junge vor viereinhalb Jahren zu seiner Lieblingsbeschäftigung. „Ich habe zwar versucht, bei meinen Klassenkameraden in der Schule mitzuspielen, aber das lief nicht so gut. Ich war der Einzige, der nichts sehen konnte. Dann kam mein jetziger Trainer Wolf Schmidt auf mich zu. Er ist Hörplatz-Kommentator beim FC St. Pauli und beschreibt für die Blinden die Zweitliga-Spiele der Profis. Im Stadion saß ich in seiner Nähe. Er hat mir angeboten, dass er für mich und ein paar meiner Freunde ein Probetraining macht. Ich habe dann Paul (Ruge – ein Mitspieler von Tönsing, Anm. d. Red.) und einen weiteren Spieler, der jetzt nicht mehr bei uns spielt, gefragt, ob sie Lust hätten, mitzukommen.

Jonathan Tönsing (3. v. links) dribbelt sich durch die Abwehr der SG Viktoria Berlin/TSV 1860 München.                                      Foto: Bargmann

Wir waren mehrmals beim Training und plötzlich mittendrin“, erinnert sich der Angreifer des FC St. Pauli, der sich im Laufe der Zeit mit Vorurteilen gegenüber seinem Sport auseinander setzen musste. „Viele Menschen können sich nicht vorstellen, dass Blinde Fußball spielen können und das auch auf hohem Niveau. Des Weiteren denken die Leute, dass es ein langsamer und vorsichtiger Sport sei. Wenn sie allerdings zum ersten Mal als Zuschauer dabei sind, erkennen sie, dass er viel schneller ist, als die Meisten denken“, sagt die Nachwuchshoffnung.

„Wenn sie allerdings zum ersten Mal als Zuschauer dabei sind, erkennen sie, dass er viel schneller ist, als die Meisten denken.“
Jonathan Tönsing mit Erfahrungsberichten der Zuschauer.

Positionsabsprachen zwischen den Spielern, hart umkämpfte Zweikämpfe und schnelle Dribblings mit enger Ballführung – einiges haben die Blindenfußballer mit dem Fußball, so wie man ihn kennt, gemeinsam. Allerdings unterscheiden sie sich in wichtigen Regeln. „Der Ball ist rund und das Spiel dauert 90 Minuten“. Die Phrase des früheren Nationaltrainers Sepp Herberger ist auch fünf Jahrzehnte nach seiner letzten Amtszeit prominent. Beim Blindenfußball, ist die Spieldauer viel kürzer. Die Teams stehen sich in zwei Halbzeiten à 20 Minuten effektiver Spielzeit gegenüber. Rollt der Ball über eine der beiden Torlinien oder agieren die Akteure regelwidrig, wird die Zeit angehalten. Seitenbanden begrenzen das 20×40-Meter Kunstrasenspielfeld. Die Fläche ist damit deutlich kleiner, als die empfohlene Norm des FIFA-Weltverbandes für die Sehenden (105 x 68 Meter). Ausgetragen werden die Partien auf Kunstrasen, um den Ball gut zu hören.

„Blindenfußball ist in Anbetracht des Feldes viel kleiner, als der Fußball der Sehenden. Einige denken, dass man weniger laufen muss, das stimmt auch, aber das wirklich Anstrengende ist, dass man sich immer konzentrieren muss – auf sein Gehör und auf die Mitspieler. Das macht es – glaube ich – ein gutes Stück anstrengender, als die Laufarbeit an sich“, sagt der Fan des FC St. Pauli. Statt elf Feldspieler und einem Torwart, stehen sich vier Blinde, die mit Dunkelbrille und Kopfschutz ausgestattet sind und ein sehender Torwart, der seinen markierten Bereich (5,66 Meter x 2 Meter) nicht verlassen darf, gegenüber. Hinter jedem Tor steht ein gegnerischer Guide, um die Angriffe zu koordinieren – allerdings dürfen Hintertorguides erst einschreiten, wenn das eigene Team den Ball über die gestrichelte 12-Meter-Linie, der sogenannten „broken line“, befördert hat.

„Der Ball ist rund und das Spiel dauert 90 Minuten.“
Sepp Herberger, Trainer der deutschen WM-Helden von 1954

Und womit wird gespielt, wenn die Akteure nichts sehen können? In den Spielbällen, die schwerer sind, als herkömmliche Fußbälle, sind Metallplättchen eingebaut. In den Metallplättchen befinden sich kleine Kügelchen, die für einen rasselähnlichen Ton sorgen und den Spielern bei der Orientierung helfen. Zur Orientierung dient auch die ‚Voy‘-Regel (spanisch für „Ich komme“ oder „Ich gehe“). Es muss immer im Abstand von mindestens drei Metern zum ballführenden Spieler gerufen werden, um das Verletzungsrisiko gering zu halten. Wird das „Voy“ nicht rechtzeitig gerufen, erhält der Gegner einen Freistoß. Deshalb hört man es fast sekündlich bei den Spielen.

„Wenn wir in Ballbesitz sind, rufen wir kein Voy zu unseren eigenen Spielern, sondern wo wir stehen. Wir kommunizieren viel, um zu wissen, wo der Mitspieler ist. Manche Stimmen kann man sich sehr schnell einprägen, weil man sie von den anderen unterscheiden kann. Aber es gibt auch einige, die zunächst gleich klingen – dann dauert es ein wenig länger. Ich kann mir Stimmen sehr gut merken. Innerhalb von wenigen Minuten kann ich unterscheiden, welche Spieler der gegnerischen Mannschaft angehören und welche zu meiner eigenen“, meint Tönsing. „Zu Beginn war es für mich schwierig, die wichtigen Details aus den vielen Informationen, die ich vom Trainer, vom Hintertorguide und vom Torhüter bekommen habe, herauszufiltern. Mittlerweile bin ich so gut, dass ich das schnell koordinieren kann und keine Probleme mehr habe.“

Neben der exakten Koordination ist bei diesem Sport auch eine enge Ballführung wichtig. Genaue Kontrolle über den Ball, statt ständig nach ihm zu suchen, oder ins Leere zu treten, wenn der rasselähnliche Ton im Ball ausbleibt. Starke Techniker können sich binnen kürzester Zeit vor das gegnerische Tor dribbeln. Dies gelang auch Jonathan Tönsing beim Blindenfußball-Bundesligaspieltag in Dortmund. Immer wieder spielte er sich den Ball rasch zwischen dem linken und dem rechten Fuß zu, „tanzte“ buchstäblich die Abwehrspieler aus und ließ den Schlussmännern mit präzisen Abschlüssen keine Chance. Nach der Torjägerkanone im vergangenen Jahr, als er 15 Treffer in acht Spielen erzielte, ist der flinke Angreifer auch dieses Mal wieder vorne mit dabei, führt mit neun Treffern die Liga-Rangliste an und gehört zum Aufgebot der Deutschen Blindenfußball-Nationalmannschaft. Um das Talent nicht zu verheizen, werden dem Noch-Minderjährigen Verschnaufpausen eingeräumt, die er auf der Reservebank verbringt. „Das Hinsetzen vermeide ich, sondern bleibe immer in Bewegung. Von außen höre ich mir das Spiel an und unterhalte mich mit einem Sehenden, der mir wichtige Informationen zur Partie gibt“, erklärt er.


Enge Ballkontrolle in höchstem Tempo: Jonathan Tönsing (FC St. Pauli) im Spiel gegen Borussia Dortmund.                                     Foto: Bargmann

Wie kompliziert dieser Sport tatsächlich ist, zeigt die „Flimmerkiste“, der vereinseigene Sender des Clubs vom Millerntor. Gemeinsam mit dem Zweitliga-Profi Aziz Bouhaddouz, absolvierte Tönsing eine kurze Trainingseinheit zu zweit. „In den drei Minuten habe ich genug geschwitzt und es war auf jeden Fall auch anstrengend. Wenn man das oft machen würde, dann denke ich, dass man auch einiges trainieren kann, vor allem die Ballbeherrschung und die Schusstechnik. Respekt und Hut ab, was die Jungs leisten“, lobte der marokkanische Nationalspieler. „Man merkt den sehenden Fußballspielern an, dass sie das Gefühl für die Ballführung- und kontrolle haben. Beim ersten Mal ist es für Menschen immer schwieriger – die Koordination zwischen Reden und Hören und der Tatsache, dass man nichts sieht. Aber er hat es sehr gut gemacht. Für mich war die Einheit mit Aziz eine tolle Erfahrung“, bemerkt Tönsing.

„Dieser Sport soll weiterhin für Menschen der Behindertenklasse B1 bis B3 sein.“
Jonathan Tönsing über den Lösungsansatz, Sehende in den Blindenfußball zu integrieren, um dem Spielermangel entgegenzuwirken.

Respekt, wie Bouhaddouz im Interview erwähnte, wird beim Blindenfußball großgeschrieben. Die Stimmung ist bei Weitem nicht so hitzig wie bei den sehenden Profi- und Amateurkicker. „Die Atmosphäre beim Blindenfußball ist anders. Die Entscheidungen werden akzeptiert, während beim normalen Fußball durchaus mal gepöbelt wird. Wir besuchen regelmäßig Lehrgänge, um dort unsere eigene Blindheit zu simulieren und uns in die Rolle der Spieler hineinzuversetzen. Das hilft uns enorm. Außerdem duzen wir die Spieler“, erklärt Schiedsrichterin Julia Kalbau vom SC Weiche Flensburg 1908. Tönsing gefällt das. „Das Klima zwischen den Mannschaften und Schiedsrichtern ist harmonisch.“ Auch Fairplay wird groß geschrieben: Liegen Akteure verletzungsbedingt nach einem Zweikampf auf dem Boden, wird sofort versucht, seinen Gegenspieler wieder auf die Beine zu bringen. Bei Fortführung der Partie wird der Spielball – wie auch bei den Sehenden – zurück zum anderen Team gespielt.

Einen Haken gibt es dennoch: Die Zukunft dieses Sports bleibt ungewiss. „Ich bin der Meinung, dass er bekannter werden muss. Viele Menschen wissen nichts von diesem Sport. Obendrein haben wir ein Nachwuchsproblem“, offenbart Tönsing. Den Mangel an Spielern bestätigt auch Dennis Grädtke, Sachbearbeiter für Blindenfußball beim Deutschen Behindertensportverband. „Derzeit gibt es rund 100 Blindenfußballer. Durch die immer besser werdende Medizin, erblinden weniger Menschen.“ Der Mangel an Akteuren macht Spielgemeinschaften, wie zum Beispiel die SG Viktoria Berlin/TSV 1860 München, unumgänglich. Ein gemeinsames Training ist hier schwer zu gestalten. Interessierte des Sports sehen Handlungsbedarf – doch: wie löst man dieses Problem? Integriert man sehende Fußballer, die durch die Dunkelbrille ebenso wenig sehen, wie Sehbeeinträchtigte? Jonathan Tönsing ist dagegen. „Nach meinem Empfinden besitzen Sehende einen Vorteil. Sie haben den Fußball sehend erlernt und somit ein gutes Gefühl für den Ball. Dieser Sport soll weiterhin für Menschen der Behindertenklasse B1 bis B3 (laut dem Weltblindensportverband die Klassifizierung der Sehbehinderten, Anm. d. Red.) sein.“

Die Organisatoren der Liga, bestehend aus dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV), dem Deutschen Behindertensportverband (DBS) und der DFB-Stiftung Sepp Herberger, sind dazu aufgefordert, an einer Lösung zu arbeiten, sofern der langfristige Spielbetrieb für die Sehbeeinträchtigten aufrecht erhalten werden soll.

 

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