„Als liefe ich nachts durch die Straßen und die Lichter wären aus“

Wenn auf dem Kunstrasenfeld an der Deutschen Sporthochschule Köln ein Ball mit Rasseln zu hören ist, ist Katharina Kühnlein nicht weit davon entfernt. Die 20-Jährige ist blind. Trotz ihrer Beeinträchtigung lässt sie sich den Spaß am Sport nicht nehmen. Im Gegenteil: Sie sah die Erblindung als Chance, blüht seither beim Blindenfußball auf und fliegt im kommenden Jahr zu einem Trainingscamp nach Japan.

Schon von Kindesbeinen an bestimmte der Sport das Leben von Katharina Kühnlein. Und das, obwohl die junge Studentin seit ihrer Geburt gehandicapt ist. „Als ich geboren wurde, litt ich unter Albinismus und hatte ein Sehvermögen von 25 bis 40 Prozent. Kein Arzt wusste, wie die Augenerkrankung entstanden ist“, erklärt sie. Der Fußballerin gelang dennoch der Sprung bis in die Juniorinnen-Regionalliga. Tatkräftig unterstützt wurde sie dabei neben der Familie auch von ihrer besten Freundin Julia. „Sie hat bis vor zwei Jahren kaum etwas von meiner Erkrankung gemerkt. Auch meine Mitschülerinnen und Mitschüler, die davon wussten, haben mich nicht anders behandelt. Das war toll.“

Wenn Kühnlein spricht, redet sie besonnen und nachdenklich. Wohl wissend, dass die Förderung, die sie derzeit aus ihrem persönlichen Umfeld erhält, nicht immer zu spüren war. Während sich ihre damaligen Klassenkameraden stets tolerant gegenüber der Sehbehinderten verhielten, war das Verhältnis zu den Lehrern merklich schlechter. „In der fünften und sechsten Klasse hat es auf einem Regelgymnasium in Roth (Bayern) überhaupt nicht funktioniert. Sie waren damit überfordert, dass es Kinder gab und gibt, die etwas mehr Aufmerksamkeit benötigen. Sie haben mich nicht für voll genommen.“ Im Anschluss folgte der Wechsel über die Blindenstudienanstalt Nürnberg nach Marburg. „Ich wollte schon immer mein Abitur machen. Da gab es keine Alternative“, meint die zielstrebige Sehbehinderte.

Während gleichaltrige Freunde derweil eine berufliche Ausbildung oder den Führerschein absolvierten, saß Kühnlein im Internat und büffelte regelmäßig für die Schule. „Das war die schlimmste Zeit, weil meine Gesundheit mich eingeschränkt und ich daher nicht die Möglichkeiten habe, wie andere Menschen in meinem Alter.“ Während des Aufenthalts in der hessischen Kreisstadt verschlimmerte sich die Sehschärfe über Nacht urplötzlich. Ein Schlag ins Gesicht für die lebensfrohe Kühnlein. „Ich dachte zunächst, dass meine Kontaktlinsen hinüber wären oder das ich einfach einen schlechten Tag hatte und daher einfach unscharf sah. Es gab beispielsweise öfter Tage, an denen meine Augen einfach mal schmerzten. Aber Sorgen hatte ich mir bis dahin nicht gemacht. Für mich war es ja etwas Normales. Weil es in den kommenden Tagen nicht besser wurde, ging ich zum Augenarzt. Als er mir sagte, dass ich hochgradig sehbehindert bin und erblinden werde, wollte ich es nicht realisieren.“ Die Sehfähigkeit lag laut ärztlicher Untersuchung bei nur noch fünf Prozent. Tendenz abnehmend. Mittlerweile ist die gebürtige Fränkin auf dem rechten Auge komplett blind, links ist sie bei anderthalb Prozent. „Schatten, Umrisse und Farbflächen kann ich erkennen. Zum Teil setzt sich mein Gehirn das Bild zusammen, weil ich es vielleicht aus der Vergangenheit kenne.“

Aufgeben und sich abschreiben kam für Kühnlein ob der Rückschläge gewiss nicht in Frage. „Ich musste zwar unfreiwillig einen neuen Lebensabschnitt beginnen, aber im Nachhinein betrachtet, war es vielleicht auch das Beste, was mir passieren konnte. Alles, was ich mir fest vorgenommen habe, habe ich überdacht und wurde dadurch sicherer. Außerdem habe ich viel gelernt. Das Leben läuft nicht immer so, wie man es gerne hätte. Man muss mit den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, etwas Schönes bauen.“ Und: Ihr unermüdlicher Kampfgeist wurde belohnt. Als ihre Mathelehrerin die Freizeitangebote am Internat vorlas, wurde die Sportlerin hellhörig. Blindenfußball – angeboten vom mittlerweile zum deutschen Nationaltrainer berufenen Peter Gössmann, der zum damaligen Zeitpunkt noch Coach des Bundesliga-Teams der SF BG/Blista Marburg war. „Er war zudem mein Religionslehrer und Prüfer im mündlichen Abitur im Fach Latein“, ergänzt sie lachend. Während des Kurses stellte Kühnlein ihr Können unter Beweis, überzeugte am „runden Leder“ und schloss sich dem Marburger Team an. Im vergangenen Jahr feierte sie ihr Bundesliga-Debüt. „Als ich drei Jahre alt war, habe ich zu meinem Papa gesagt, dass ich mit den Männern in der Bundesliga spielen möchte. Das Ziel habe ich nun erreicht“, kommentiert die 20-Jährige schnippisch und fügt an: „Sobald ich meine Dunkelbrille aufhabe, ist es, als liefe ich nachts durch die Straßen und die Lichter wären aus.“

Ohne Angst: Katharina Kühnlein, hier als Gastspielerin in der Central European League, scheut keinen Zweikampf. Foto: Avoy MU Brno
Ohne Angst: Katharina Kühnlein, hier als Gastspielerin in der Central European League, scheut keinen Zweikampf.         Foto: Avoy MU Brno

Wer die Kickerin bei ihrem Lieblingshobby beobachtet, erkennt schnell, mit wie viel Leidenschaft, Herzblut und Spaß sie dabei ist. Die Liebe zum Spiel wird ihr so schnell nicht abhanden kommen. Daran ändert auch nicht, dass sie Anfang dieses Jahres zusätzlich mit dem Blindentennis begann und nur wenige Monate später als neue Deutsche Meisterin für einen Paukenschlag sorgte. Bei der Weltmeisterschaft im kommenden Jahr im spanischen Alicante hat sie die Goldmedaille fest im Blick. „Aber ich bevorzuge den Fußball. Er lässt mich meine Sorgen vergessen und gibt mir die Möglichkeit den Sport weiter zu machen, den ich so sehr liebe, obwohl ich nicht mehr sehen kann. Außerdem spiele ich ihn bereits mein ganzes Leben lang.“ Zwar nicht mehr auf Naturgrün, dafür aber auf einem 20 mal 40 Meter großen Kunstrasenfeld mit Seitenbande. Frauen und Männer spielen seit Bundesliga-Gründung gemeinsam. Alle Akteure sind gleich. Eye-Pads und Dunkelbrillen, umhüllt von Schaumstoff, sorgen für maximale Blindheit, Chancengleichheit und bieten dem Kopf Schutz bei Zusammenstößen. Einzig die Torhüter sind nicht blind, dürfen aber ihren markierten Bereich nicht verlassen. Hinter den Toren koordinieren Guides mit lauten Rufen die Angriffe ihres Teams, an der Seitenbande stehen die Cheftrainer und geben von dort die Anweisungen. Regelmäßig hören Zuschauer neben dem Rasselball auch die Akteure auf dem Feld, die „Voy“ (spanisch für „Ich komme“, „ich gehe“) rufen, um Gegen- und Mitspieler aber auch sich selbst zu schützen. Kleine Zusammenstöße sind zwar nicht zu vermeiden, grundsätzlich geht es beim Blindenfußball aber fair zu – auch trotz hart umkämpfter Zweikämpfe, die Kühnlein toll findet. „Natürlich haben die Jungs einen körperlichen Vorteil. Aber ich finde diese Herausforderung, sich durchsetzten zu müssen, einfach cool.“ Ein Treffer ist der ambitionierten Blinden in der Liga noch nicht gelungen. „Das ist in der kommenden Saison mein großes Ziel“, erklärt die Angreiferin.

Ab der neuen Spielzeit wird die angehende Bachelorandin aber nicht mehr für den vierfachen deutschen Meister auf dem Feld stehen, sondern für den FC Schalke 04. „Es ist logistisch sinnvoller und angenehmer. Bei Marburg konnte ich gar nicht zum Training. Mit dem Zug trennen Trainingsstätte und Wohnort circa vier Stunden voneinander. Zu Schalke kann ich immerhin einmal die Woche. Das ist nur 90 Minuten von Köln entfernt. Außerdem trainiere ich nebenbei noch an der Deutschen Sporthochschule Köln mit Hasan Koparan (Blindenfußballer beim FC Schalke 04), Taime Kuttig (SF BG/Blista Marburg) und Adriani Botez (SF BG/Blista Marburg). Wir sind ein Hospitationsprojekt. Studenten können zuschauen und natürlich auch selber die Dunkelbrille aufsetzen und damit Erfahrungen sammeln.“

Neuer Verein, neues Trikot: Ab der kommenden Spielzeit wird Katharina Kühnlein für den FC Schalke 04 auflaufen. Foto: Tomke Koop
Neuer Verein, neues Trikot: Ab der kommenden Spielzeit wird Katharina Kühnlein für den FC Schalke 04 auflaufen.                          Foto: Tomke Koop

Auf Seiten des S04 freut man sich über den Transfer. „Wir finden es cool, dass wir nun eine weibliche Spielerin haben. Katharina hat das Potential, sich in der Liga durchzusetzen“, bemerkt Bayram Dogan, Abteilungsleiter für Blindenfußball bei den „Königsblauen“. In den ersten internationalen Turnieren überzeugte das Talent im Schalke-Dress. Beim „Cup of European Cities“  in Prag verteidigte der Neuzugang zuletzt den Titel als „wertvollste/r Spieler/Spielerin des Turniers“. Das Potential blieb auch den Verantwortlichen des japanischen Blindenfußballverbandes nicht verborgen und wählten die Angreiferin als eine von zehn Spielerinnen weltweit für das Frauen-Blindenfußballcamp im kommenden Februar in Tokio und Saitama aus. Das Highlight: Ein Testspiel gegen die japanische Frauen-Blindenfußballnationalmannschaft. Knapp 1000 Zuschauer werden erwartet. „Ich hatte mich etwa eine Woche vor Fristende dort angemeldet und erhielt Ende Oktober die Rückmeldung, dass ich dabei bin. Ich habe vor Freude geschrien und sofort meine Mama angerufen“, erinnert sich die gebürtige Fränkin. „Es fühlt sich noch alles so surreal an.“ Bis Anfang Dezember werden die letzten Einzelheiten geklärt. „Danach kann nur noch eine Verletzung meine Teilnahme verhindern.“ Bereits im vergangenen Jahr, als das Camp in Wien stattfand, war „Katha“, wie sie von allen genannt wird, dabei. „Da wurde ich gemeinsam mit einer Japanerin zur Torschützenkönigin gekürt.“ Ziel bei diesen Camps sei, dass „die Spielerinnen, Trainer und Guides mehr über den Sport verstehen und in ihrer Rolle wachsen sollen. Außerdem soll gezeigt werden, dass die Sportart weltweit immer mehr Bekanntheit erlangt“, erklärt die IBSA (Weltblindensportverband) auf Nachfrage.

In Deutschland ist die Entwicklung dagegen noch nicht weit fortgeschritten. „Eine weibliche Blindenfußballszene gibt es hier gar nicht. Ich bezweifle, dass wir in den nächsten zehn Jahren über eine Nationalmannschaft, wie Japan sie hat, verfügen werden.“ Laut Reglement ist dies auch gar nicht von Nöten. Seit 2017 dürfen Frauen und Männer zusammen in der Nationalmannschaft spielen. Dorien Cornelis hat sich bei der Europameisterschaft im vergangenen Jahr in Berlin beispielsweise in den belgischen Kader gespielt. Dennoch: Ein Trend ist in Deutschland zu erkennen. Kühnlein ist neben Amire Schwarz (Borussia Dortmund), Elisabeth Alaoui Masbahi (SF BG/Blista Marburg) und Brit Beran (Chemnitzer FC) eine von vier Frauen in der Bundesliga. Diese Sportart ist also im Kommen. Nicht zuletzt sorgte das von Serdal Celebi erzielte „Tor des Monats“ in der ARD-„Sportschau“ für mediale Aufmerksamkeit. Bei den Bundesliga-Spieltagen tummeln sich zumeist mehrere hundert Zuschauer an den Banden. Und wer weiß: Vielleicht gibt es in in naher Zukunft das erste Länderspiel von Katharina Kühnlein.

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